Die Monster dieser Stadt
von Erik R. Andara
Hee lümmelte gelangweilt in ihrem Firmenlieferwagen in der unteren Neubaugasse, an der Grenze zum achten Bezirk, und wartete darauf, dass ihr die dezentrale Bezirkskoordination der Josefstadt um 22 Uhr die Sonderzufahrt erteilen würde und sie endlich die letzte Zustellung des Tages erledigen könnte. Sie war bereits seit beinahe vierzehn Stunden unterwegs und dementsprechend schwer fühlten sich ihre Glieder an. Über die Firmensphäre säuselte unterdes der Sänger von Xīn Shídài etwas von undurchdachter Konsumverweigerung, während sich im Hintergrund seine Synth-AI durch jene kastrierten Neo-Punk-Gitarrenriffs undulierte, die bei Hees Kollegenschaft offenbar derart beliebt waren, dass sich sein neues Album bereits seit Wochen auf Mandatory Airplay hielt. Hee sehnte sich wie üblich nach einer so langen Schicht, in der sie der Firmensphäre und ihrem ewigen Gedudel und Geblinke wehrlos ausgeliefert gewesen war, nach ihrer Vintage-Plattensammlung, die zuhause auf sie wartete, verzehrte sich nach den dreckigen Fürwahr-Riffs von Billy Zoom, Johnny Thunders und Johnny Ramone, nach den krächzenden, beißenden, heulenden Fürwahr-Stimmen des vorletzten Jahrhunderts, anstatt dieses Mechagesäusels eines fest eingeklinkten Menschen, das ihr auf Dauerschleife laufend schön langsam die Galle im Magen hochköcheln ließ.
„Komm schon, ich will endlich heim. Das ist doch völlig unreal hier. Ich will duschen und dann ins Bett“, grummelte Hee, während sie im Sekundentakt die Refresh-Option des Genehmigungsarchivs ihres Lieferwagens betätigte. Aber nichts da, noch würde sie warten müssen – die nachtblauen Ziffern im oberen Bereich ihrer Sphäre zeigten erst 21:57 Uhr an, ihre Wochenleistungsquote lag bei daneben in Pistaziengrün eingeblendeten 79,13 Prozent. Nicht schlecht, aber auch nicht richtig gut. Aber zumindest so solide, dass sie es nach der nächsten Lieferung für heute sein lassen konnte und nicht noch einmal zurück an die Verladestation musste.
„Wenn ich jemals in die verfickte Josefstadt reindarf“, brummte Hee, während Xīn Shídài im Hintergrund weiter raunte und stöhnte. Zum wahrscheinlich hundertsten Mal an diesem langen Arbeitstag wünschte sie sich, die Lautstärke der Firmensphäre selbsttätig regulieren zu können, aber dazu fehlten ihr die Administrationsrechte. Nur die Liefersupervision, Sales- und IT-Menschen und natürlich die Geschäftsleitung selbst waren dazu berechtigt, die Firmensphäre nach ihren persönlichen Bedürfnissen einzurichten. Für alle anderen wurde zentral bestimmt, was sie wann und in welcher Lautstärke multisensorisch eingespielt bekamen.
Und so verharrte Hee die letzten zwei Minuten Wartezeit lang tief über die Organisationskonsole des Wagens gebeugt und den Liedtext von „I Wanna Be Sedated“ summend, während sie nebenbei eine Playlist für die Heimfahrt in ihrer privaten Sphäre zusammenstellte, die sie noch im selben Augenblick anwerfen würde, in dem sie die bestätigende Signatur unter der letzten Zustellung des Tages kassierte.
Als endlich die Zufahrtsbestätigung für die Josefstadt sattgrün blinkend in der Firmensphäre aufschlug und der Wagen anrollte, um sie zur Zustelladresse zu fahren, erhob sich Hee ächzend, um sich im hinteren Ladebereich um die letzte verbliebene Lieferbox zu kümmern.
„Twenty, twenty, twentyfour hours to gohoho“, brummte Hee vor sich hin, während sie die Übernahmebestätigung für die Empfangsdestination freischaltete und an die Transporttrage übermittelte, die sich gleich darauf aus der Ladestation faltete und sanft zischend unter die mit dem magentafarbenen Firmenlogo versehene Transportbox zu schieben. Die Fahne des holographischen Fuchsia-Corporation Astronauten wehte sachte, während der Unterstützungsdummie die Last auf der Transporttrage sicherte.
Hee hatte gerade eine Ankündigung an die Sphäre an der Empfangsadresse verschickt, die besagte, dass die Lieferung in wenigen Minuten am dafür vorgesehenen Ort eintreffen würde, als ein leises Klopfen ihr mitteilte, dass jemand ihre Sphäre zu kontaktieren versuchte – und zwar die private und nicht die Firmensphäre, die ansonsten laut und vernehmlich „An der schönen blauen Donau“ gedudelt hätte, um Hees Aufmerksamkeit darauf zu richten und gleichzeitig den letzten Nerv zu töten.
Verdrossen checkte Hee die Anrufsignatur des eingehenden Calls, musste aber verwundert feststellen, dass keine übermittelt worden war. Also lehnte sie ab, überprüfte danach die Stabilität der auf der Trage eingerasteten Transportbox und bestätigte den von ihrer Seite aus positiv abgeschlossenen Sicherheitscheck.
„Just put me in a wheelchair, get me on a plane, hurry, hurry, hurry, before I go insane”, trällerte Hee weiter vor sich hin. Ihre Anstellung bei Fuchsia Logistics war der reinste Anachronismus, das wurde ihr bei Tätigkeiten wie dieser stets deutlich vor Augen geführt. Eigentlich wäre ein Transportdummie durchaus in der Lage gewesen, den gesamten Zustellprozess von der Beladung bis hin zur Übergabe von einer der operativen Fuchsia-KIs gesteuert und völlig autonom von menschlicher Unterstützung durchzuführen. Aber Hees Großmutter hatte ihr einen der wenigen letzten gewerkschaftgesicherten Jobs vererbt, den sich ihre Ur-ur-Großmutter Hye-rin Huber-Park noch im letzten Jahrhundert mit ihrem Mitarbeiter-Aktienanteil teuer am Unternehmen erkauft hatte. Und Hee war hin- und hergerissen, wie sie das finden sollte. Es war für sie Fluch und Segen zugleich.
Sie hatte immer davon geträumt, Schriftstellerin zu werden – ob nun von tatsächlichen Romanen oder Sphärenvideodrehbüchern, Realiter Games oder Augmented Life war ihr dabei immer egal gewesen,Hauptsache, sie könnte Geschichten erzählen. Aber als sie fünfzehn Jahre alt und damit gesellschaftlich entscheidungspflichtig geworden war, hatte sich rasch herausgestellt, dass ihre Familie weder über die notwendigen Verbindungen noch über das grundlegende Startkapital verfügte, das es ihr ermöglicht hätte, sie in die dafür vorgesehenen Schulen und Universitäten zu bringen, ohne die eine Karriere als Künstlerin immer bloß ein unerreichbarer Traum bleiben würde.
Sie hatte nur zwei realistische Wahlmöglichkeiten gehabt: entweder die Zentraleuropäische Staatsbügerschaft abzulegen und in eine der benachbarten Freedom Cities wie Königsleiten, Gratkorn oder Wels überzuwechseln, dort ihr Leben und alle damit zusammenhängenden Entscheidungen über Körper, Geist und Seele (wenn man an so etwas glauben wollte) für die minimale Chance auf ihre Wunschkarriere zu verkaufen oder eben die gewerkschaftlich gesicherte Anstellung ihrer Großmutter zu übernehmen.
Keine schwere Entscheidung, sollte man denken. Aber Hee hatte zuvor nächtelang über den Sphäreninformationen, die sie über die Körpereigentumsüberschreibungsverträge mit den österreichischen Freedom Cities finden konnte, gebrütet und ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, das Risiko einzugehen, nur um vielleicht zertifizierte Schriftstellerin zu werden, vielleicht ein Leben als professionelle Geschichtendesignerin führen zu können. Aber als ihre Mutter ihre Recherche auf der Familiensphäre entdeckt hatte und daraufhin beim Abendessen weinend über ihrem Tteobkokki zusammengebrochen war, war Hee schlagartig klar geworden, dass die Freedom Cities keine Option für sie darstellten. Nicht nur, dass sie das ihrer Mutter nicht antun könnte, auch sonst hatte sie bei ihren Nachforschungen in den Flüsterräumen des Netzes zu viele Horrorgeschichten darüber gefunden, wie die Silikon-Städte nicht nur mit ihrer quasi versklavten Arbeiterschicht, sondern auch sonst mit der Mitarbeiterschaft im regulären Bürgerstatus umgingen. Und dabei waren die Verpflichtungen zum festen Einklinken und allen medizinischen Eingriffen, die dazu notwendig waren, den Neuralhafen immer auf dem neuesten technischen Stand zu halten, ihr noch als das geringste Übel erschienen – sogar wenn das für manche Tätigkeiten hieße, den Körper hinter sich zu lassen und zum Zerebrum zu werden. Nichts für Hee! Nichts für irgendeinen Menschen, wenn es nach ihr ginge; niemand sollte die Körperrechte abtreten müssen, nur um ein Leben so gestalten zu können, wie man es wollte. Bloß, was Hee wollte, spielte absolut keine Rolle, wenn es um die Zukunftsgestaltung ging. Das war die traurige Wahrheit, die Hee vor spätestens acht Jahren eindrücklich verstanden hatte, als sie sich schlussendlich mit ihrer herzzerreißend schluchzenden Mutter an der Seite für diesen Job als Gewerkschaftlich zertifizierte Zustellerin für Sondergut entschieden hatte.
ENDE LESEPROBE
SUBSKRIPTION AB 14. November 2025

