Zum Inhalt springen

Fernost Kung Fu Fantasy

Eine kurze Einführung in Wuxia-Literatur

For ten years I have been polishing this sword;
Its frosty edge has never been put to the test.
Now I am holding it and showing it to you, sir:
Is there anyone suffering from injustice?
– The Swordsman, by Jia Dao (Tang Dynasty)

So ziemlich jeder weiß, wer den Balrog erschlagen hat, aber wer weiß schon, was der Monkey King beim himmlischen Pfirsichbankett tat? Auch im fernen Osten gibt es Drachen und Magie, auch grausame Herrscher und finstere Intrigen, auch die ehrenwerte Gesellschaft der Gerechten und den ewigen Kampf gegen das Böse. Diese Tradition reicht zurück durch die Jahrtausende und wer danach sucht, findet ihre Quellen in dem mythischen Zeitalter der ersten Dynastien, als Götter und Dämonen das Reich der Mitte bevölkerten.

Zwischen Fluss und See liegt das Land der fahrenden Schwertkämpfer und Boxer der chinesischen Fantasy. Man nennt es Jianghu, die fahrenden Kämpfer heißen Youxia, ihre Gemeinschaft Wulin und das Genre Wuxia.

Dem Westen ist Wuxia zu forderst aus Filmen vertraut. Die bekanntesten nach der Jahrtausendwende sind wohl Tiger and Dragon, Hero und House of Flying Daggers, die westlichen Sehgewohnheiten so nah und uns doch so fremd erscheinen mögen. Hier finden wir, was wir für jede Wuxia-Erzählung brauchen: Schwerter, Fäuste und Kampf, Geheimgesellschaften und Unterdrückung, Freiheitsdrang und Helden, die sich von diesem leiten lassen, den Tod in Kauf nehmen, die Freundschaft höher achten als ihre arglistigen Gegner es voraussehen können.

Zur Entstehung des Genres: Die Herleitung aus der Mythenwelt Chinas, die klassischen Romane chinesischer Literatur, die Erzählungen über die Richter Di Renjie und Bao Zheng, die modernen Autoren – jeder dieser Ankerpunkte könnte als Anfangspunkt genannt werden und sie alle bilden eine kulturelle Einheit und Linie, von deren Anfang bis zu deren Endpunkt sich Wuxia verdichtet und schließlich als geschlossene Gestalt hervorgeht.

Im mythischen Zeitalter der ersten Dynastien Chinas wurzelt der Glaube an die himmlische Ordnung, den Jadekaiser und das Wirken des Wandels im Universum. Die klassischen Romane [in Klammern die Titel englischsprachiger Übersetzungen] handeln von übernatürlichen Wesen (Journey to the West / Monkey King), Generälen (Romance of the Three Kingdoms) und Rebellen (Water Margin). Die Richter Di Renjie – im deutschen Sprachraum aus den Kriminalerzählungen Robert Van Guliks bekannt – und Bao Zheng (The Seven Heroes and Five Gallants) belegen, wie das Übernatürliche in das Alltägliche des traditionellen chinesischen Denkens einfließt. Die modernen und heute schon klassischen Autoren Liang Yusheng, Gu Long, Wang Du Lu (Tiger and Dragon), Huanzhulouzhu (Blades from the Willows) und – der bekannteste – Louis Cha, alias Jin Yong, erheben Wuxia zum Genre und ihre Werke bilden die Grundlage einer fast hundertjährigen Kinofilmtradition.

Notiz am Rande: Das Werk von Louis Cha gehört nach Anzahl verkaufter Bücher zu den meistgelesenen der Welt.

Wir befinden uns in einem China, das es so niemals gegeben hat, dass in der chinesischen Geisteswelt aber einen ebenso festen Platz einnimmt, wie das Land hinter den sieben Bergen oder der König im See und der Hort des Drachen es bei uns tun.

Was an Wuxia Fantasy ist: Auf den zweiten Blick mag einem auffallen, dass das Übernatürliche in den genannten Filmbeispielen kaum eine Rolle spielt, weder offensichtliche Zauberei noch magische Wesen oder Welten, keine Geister, nur eins: die Überwindung der Schwerkraft mittels Kung Fu. Mir kommt es auf den ersten und den dritten Blick an. Anders als in realistisch angelegten Kung Fu Filmen spürt man sofort, dass Übernatürliches hier doch auftauchen könnte, dass der Mythos nur geradeso hinter den Oberflächen verborgen liegt. Bei genauerer Betrachtung stößt man auf das Konzept des Qi, der inneren Kraft, deren Beherrschung für die fernöstlichen Kampfkünste so zentral ist. Ob sie dem Reich der Fantasie angehört oder der wissenschaftlichen Empirie jemals zugänglich sein wird, sei dahingestellt. Nehmen wir sie als fantastisches Element, so haben wir wenigstens einen Anteil des Übernatürlichen in Wuxia-Fantasy ausgemacht, und dieser ist nicht wegzudenken. Qi ermöglicht das „Fliegen“, die Heilung durch Akkupressur und -punktur und die Übertragung physischer Kraft ohne direkten Kontakt. Da ist es zum Feuerball eines Magiers westlicher Fantasy nicht mehr fern.

Suchen wir weiter nach dem Übernatürlichen, führt unser Pfad in die Region der Geistererzählungen. Pu Songling (Strange Stories from a Chinese Studio) ist der namhafteste Autor dieser Richtung. Weiter finden wir den chinesischen Paladin in Xianxia-Erzählungen von eingeschworenen Kämpfern, die mehr als nur weltliches Übel bekämpfen. Auf der anderen Seite stoßen wir auf pseudohistorische und eher realistisch gehaltene Romane.

Dieses weite Feld der Fantastik ist dem deutschen Sprachraum bisher kaum zu Gesicht gekommen. Lediglich die klassischen Romane und manche Geistergeschichten fanden ihre Übersetzung, allen voran durch den Sinologen Franz Kuhn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

So groß das westliche Interesse an Wuxia- und Kung-Fu-Filmen heute auch sein mag, selbst im Englischen gibt es kaum zwei Hände voll Übersetzungen von Wuxia-Romanen. Dafür findet das Genre inzwischen seine Nachahmer. Wuxiafilme werden nicht mehr ausschließlich in Hong Kong, Taiwan und der VR China gedreht, vor allem amerikanische Autoren veröffentlichen Romane, die dem Genre zugezählt werden können, L. G. Bass‘ Roman Sign of the Qin hat es sogar zu einer deutschen Übersetzung gebracht. Fernöstliche Kampfkunst findet man heute in einer langen und wachsenden Reihe westlicher Actionfilme.

Wo sich Kulturkreise begegnen stellt sich die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden, nach Vertrautem und Unvertrautem. Drachen, wie schon gesagt, gibt es in beiden Hemisphären, allerdings sind die des Ostens eher der Weisheit zugeneigt als der Arglist und sie fliegen nicht mit Flügeln sondern mit der Kraft ihres Qi. Auch in China gibt es Vampire, jedoch saugen diese ebenfalls die Lebenskraft des Qi aus ihren Opfern und nicht Blut. Was die Helden chinesischer Fantasy selbst betrifft, so sind sie weniger europäischen Rittern und japanischen Samurai ähnlich als vielmehr den Revolvermännern des amerikanischen Westens, sind eher Rebellen als Vasallen und schätzen ihre Individualität höher als den Gehorsam gegenüber einem Herrn. Sie sind vor allem anderen auch nicht Adlige sondern oft Angehörige des gemeinen Volks, trotzdem folgen sie einem klar definierbaren Kodex und natürlich kämpfen sie ebenso wie Robin Hood für soziale Gerechtigkeit.

Die kulturelle Durchdringung der chinesischen Geisteswelt mit konfuzianischem und taoistischen Denken, anstatt der griechisch-römischen und christlichen Tradition des Westens, führt zu einigen wesentlichen Unterschieden. Alles und jedes hat seinen Platz in der Ordnung von Himmel und Menschenwelt, Drachen sind Amtsträger am Hof des Jadekaisers, Yama, der aus dem Hinduismus übernommene Totengott, trägt die Würden eines Richters, die Himmelsrichtungen sind ansprechbare Wesenheiten und aus der großen Anzahl taoistischer Götter schöpft sich der Eindruck eines Animismus, der im Westen mit dem Aufstieg von Vernunft, Christentum und Aufklärung in den Aberglauben abgedrängt wurde.

Der um 1800 entstandenen Roman Green Peony gilt als einer der frühesten eigentlichen Wuxia-Romane. Bis zu den prototypischen Romanen von Louis Cha entspannt sich ein Zeitraum von einhundertfünfzig Jahren, in denen das Genre sich aus dem Volksmund in die Literatur erhebt, in etwa so und im selben Zeitraum, wie das Grimmsche Märchen und die westliche Heldensage sich zum modernen Fantasyroman entwickeln.

Eine der ersten Wuxia-Verfilmungen, Torching the Red Lotus Temple datiert mit dem Jahr 1928, gerade einmal vier Jahre nach dem Erscheinen von Fritz Langs Die Nibelungen. In den letzten hundert Jahren hat sich Wuxia in China ebenso als festumrissenes Genre etabliert, wie die westliche Fantasy in Europa und den USA und in China gibt es heute zahlreiche Fernsehserien, die dem Kulturkreis so und vielleicht mehr bedeutend sind, wie dem unseren Game of Thrones oder die dreiteilige Verfilmung des Herrn der Ringe.

Letztlich findet auch Wuxia seine Pendants zur postmodernen Dekonstruktion des Helden, wie in der Erzählung Blood and Plum Blossoms des chinesischen Autors Hua Yu.

 

Eine zu diesem Artikel gehörende kommentierte Literaturliste wurde auf faterpg.de veröffentlicht.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in IF Magazin #3, 2016, herausgegeben bei WhiteTrain . Die Ausgabe widmet sich speziell der Kung Fu Fantasy (also Wuxia) und fernöstlichen Geistergeschichten.

erhältlich bei Amazon

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar