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Sword&Sorcery

Sword & Sorcery – eine Chronologie

Kommentierte Leseliste von Tobias Reckermann

 

Auf der Suche nach den Ursprüngen der Sword-and-Sorcery-Literatur (S&S) stoße ich auf Homer. Anders als die Ilias ist die Odyssee ein Epos, dass den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Odysseus‘ Abenteuer sind episodisch, sein Ziel ist ein rein persönliches und in seiner Auseinandersetzung mit der Zauberin Circe sehen wir eine Magie am Werk, die nicht von den Göttern ausgeht.

Homer: „Die Odyssee“ (spätes 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr.)

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts versetzen die traumartigen Erzählungen Lord Dunsanys (Edward Plunkett) ihre Leser in fremde Welten. Seine Erzählung um den Helden Saxnoth wird gerne als das erste moderne Signal für die bevorstehende Geburt der S&S genannt.

Edward Plunkett: „The Fortress Unvanquishable, Save for Sacnoth“. In: “The Sword of Welleran and Other Stories” (George Allen & Sons, 1908)

Fremde Welten vor unserer Zeit eröffnen auch Clark Ashton Smiths auf den mythischen Kontinenten Hyperborea und Zothique angesiedelte Erzählungen. Horror und Fantasy gehen hier eine bemerkenswerte und für S&S vielleicht schicksalshafte Verbindung ein.

Clark Ashton Smith: „The Tale of Satampra Zeiros“ (Weird Tales, November 1931) und „The Empire of the Necromancers“ (Weird Tales, September 1932)

Das Ur-Ei der modernen S&S legt Robert E. Howard mit seinen Geschichten von Conan dem Cimmerier in den Schoß der Pulp Fiction.

Robert E. Howard: „The Phoenix on the Sword“ (Weird Tales, Dezember 1932)

Erste weibliche Hauptfigur des Genres ist C. L. Moores Joriel of Joiry, die aus der Welt unseres Mittelalters heraus auf übernatürliche Pfade gerät.

C. L. Moore: „Black God’s Kiss“ (Weird Tales, Oktober 1934)

Nach Robert E. Howards Tod und der Veröffentlichung der letzten seiner Conan-Stories nimmt Henry Kuttners Elak of Atlantis die freigewordene Stelle des S&S-Helden in Weird Tales ein.

Henry Kuttner: „Thunder in the Dawn“ (Weird Tales, Mai und Juni 1938)

→ Eine zweite Geburt erlebt das Genre in Gestalt der Welt Nehwon und ihrer unvergesslichen Hauptfiguren Fafhrd and the Gray Mouser.

Fritz Leiber: „Two Sought Adventure“ (Unknown, August 1939)

Bis heute erfolgreich und lebendig ist der Strang postapokalyptischer Fantasy, angesiedelt in einer Zeit auf der Erde, in der unsere Zivilisation längst in Vergessenheit geraten ist. Zuweilen macht Technologie nach dem Ende ihrer Herrschaft Platz für den Aufstieg der Magie, andernorts erfüllen Relikte der Technologie die Rolle magischer Artefakte. Ein prominentes Beispiel:

Jack Vance: „Dying Earth“ (Hillman Periodicals, 1950)

Mit Michael Moorcock besteigt ein Gigant den Olymp der Fantasyliteratur. Bevor sein drogenabhängiger Held Elric of Melniboné weltumspannende Questen bestreitet, kämpft er sich zunächst durch eine Reihe episodischer Ereignisse.

Michael Moorcock: „The Dreaming City“ (Science Fantasy, Juni 1961)

Im Austausch mit Moorcock prägt Fritz Leiber den Begriff S&S für kommende Genarationen:

“I feel more certain than ever that this field should be called the sword-and-sorcery story.“ (Fritz Leiber, Amra, July 1961)

 

 

Howards Conan-Vermächtnis wird unter anderen von L. Sprague de Camp aufgenommen, der neben seinem Werk als Schriftsteller auch als Herausgeber der ersten S&S-Anthologie an der weiteren Ausformung des Genres mitwirkt.

L. Sprague de Camp (Hg.): „Swords and Sorcery“ (Pyramid Books, 1963)

Eine weitere erinnernswerte Anthologie versammelt neben S&S auch Stories des verwandten Pulp-Genres Sword and Planet.

Robert Hoskins (Hg.): „Swords Against Tomorrow“ (Signet Books, 1970)

Eine neue düstere Qualität gewinnt S&S mit Karl Edward Wagners Kane-Geschichten. Kane ist der biblische Kain, den seine unfreiwillige Unsterblichkeit durch die Weltalter treibt.

 Karl Edward Wagner: „Darkness Weaves With Many Shades“ (Powell Publications, 1970)

Postapokalypse mit starkem Weird-Einschlag entfaltet Harrisons Viriconium.

John M. Harrison: „The Pastel City“ (New English Library, 1971)

Lin Carter, Autor neuer Conan-Stories und einiger Ergänzungen von Conan-Fragmenten Howards, sowie (Mit-)Initiator der Swordsmen and Sorcerers‘ Guild of America (SAGA) gibt eine Reihe kanonischer Fantasy-Anthologien heraus.

Lin Carter (HG): „Flashing Swords!“ (Dell Books, 1973 ff.)

Philip José Farmer macht Edgar Rice Burroughs‘ Stadt Opar zwölftausend Jahre vor Tarzan lebendig.

Philip José Farmer: „Hadon of Ancient Opar“ (DAW Books, 1974)

→ Als Vehikel für hochliterarische Charakterdarstellungen benutzt Delaney S&S in seinen Erzählungen von Nevèrÿon.

Samuel R. Delaney: „Tales of Nevèrÿon” (Bantam, 1979)

Seit den siebziger Jahren ist S&S, angefangen mit Dungeons & Dragons (1974) der beliebteste Rahmen für Pen-&-Paper-Rollenspiele. Ein typisches Setting bietet Asprins Serie von Anthologien der Thieves World.

Robert Lynn Asprin (Hg.): „Thieves‘ World“ (Ace Books, 1979)

Mit Saunders schwarzem Helden Imaro wird das Klischee des nordbabarischen S&S-Protagonisten endgültig entmachtet.

Charles Saunders: „Imaro“ (DAW Books, 1981 / davor als einzelne Stories in Dark Fantasy, Fanzine von 1973 bis 1980)

Michaels Sheas Nifft wird als erster S&S-Roman mit einem World Fantasy Award ausgezeichnet (1983).

Michael Shea: „Nifft the Lean“ (DAW, 1982)

→ Im episodischen ersten Roman der Black-Company-Reihe betritt S&S die Schwelle zum modernen Grimdark.

Glen Cook: „The Black Company“ (Tor, 1984)

→ Horror und Fantasy, in wilder Ehe seit Clark Ashton Smith, erleben eine beispiellose Liaison in Brian McNaughtons modernem Ghoul-Klassiker:

Brian McNaughton: „Throne of Bones“ (Terminal Fright, 1997)

Erhabene Selbstbezogenheit über das Normalmaß von S&S-Charakteren hinaus zelebrieren Alistair Rennies Metakrieger.

Alistair Rennie: „BleakWarrior Meets the Sons of Brawl“ (Weird Tales, September/Oktober 2008) und „The Gutter Sees the Light that Never Shines“. In: Ann VanderMeer und Jeff VanderMeer (Hgg.): „The New Weird“ (Tachyon Publications, 2008)

S&S des neuen Jahrtausends versammelt Jonathan Strahan. Mit dabei sind Steven Erikson, Joe Abercrombie, K. J. Parker, Scott Lynch u. a.

Jonathan Strahan (Hg.): „Swords & Dark Magic: The New Sword & Sorcery“ (Harper Voyager, 2010)

Die seit den frühen Pulps bestehende Verwandtschaft zwischen S&S und Horror motiviert Neues aus Clark Ashton Smiths Hyperborea und Lovecrafts Cthulhu-Mythos …

Cody Goodfellow (Hg.): „Deepest, Darkest Eden“ (Miskatonic River Press, 2013)

Silvia Moreno-Garcia (Hg.): „Sword & Mythos“ (Innsmouth Free Press, 2014)

… und einen Kulminationspunkt in der Verbindung beider Genres bilden einige Werke des Subgenres Grimdark.

Brian Keene und Steven L. Shrewsbury: „King of the Bastards“ (Apex, 2015)

Noch mehr Lovecraft und S&S:

Jesse Bullington and Molly Tanzer (Hgg.): „Swords v. Cthulhu: Swift Bladed Action in the Horrific World of H.P. Lovecraft“ (Pelgrane Press Ltd, 2016)

Im Oktober 2016 postet Weird-Fiction-Autor Laird Barron auf Facebook:

„Among many other projects, I’m working on a dark fantasy series that verges on sword and sorcery.“

 

Diese Chronologie versteht sich als Anreiz zur weiterführenden Lektüre nach Auswahl aus meiner eigenen Leseliste. Die bibliographischen Angaben richten sich nach den ersten Veröffentlichungen aus dem jeweiligen Gesamtwerk.
Als eine der vermutlich standhaftesten Eingrenzungen der Sword-and-Sorcery-Literatur empfehle ich diesen Artikel auf Black Gate:

Joseph A. McCullough V: „The Demarcation of Sword and Sorcery“. In: „Black Gate – Adventures in Fantasy Literature“ (Online-Magazin). https://www.blackgate.com/the-demarcation-of-sword-and-sorcery/ (zuerst veröffentlicht auf SwordAndSorcery.org)

 

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in: IF Magazin #4 (2016), Hg. Tobias Reckermann

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