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Schlaflose Reisen im Mitternachtsexpress

Die Fiktion eines Gesprächs zwischen Erik R. Andara und Tobias Reckermann

 

ERA: Kurz vor Mitternacht beginnen die Gleise zu singen. Das Käuzchen, das mich in der letzten Viertelstunde mit seinem Ruf wissen ließ, dass ich hier nicht ganz alleine stehe und warte, verstummt. „Nenn mir Zeit und Ort und ich komme Dich abholen. Die einzige Bedingung ist, dass es finster ist, wenn ich eintreffe“, hat die kurze Nachricht von Tobias gelautet. Und hier bin ich also nun – im Herzen des Wienerwalds, an der Tagscheide zwischen Samstag und Sonntag, und harre des einfahrenden Zugs. Es interessiert mich ja brennend, wie er es geschafft hat, hier so schnell eine Strecke zu verlegen. Aber das kann ich ihn ohnedies gleich selber fragen. Ich sehe gedämpfte Lichter hinter den Bäumen auftauchen. Sie nähern sich. Ein Zug erscheint. Die Räder scheinen gut geölt worden zu sein, es ist nur ein leises Quietschen zu vernehmen, während er bremst. Das gibt mir außerdem Zeit, die einfahrende Garnitur entsprechend zu würdigen. Sie ist lang, soviel kann ich bereits sagen. Aus meiner Position sehe ich sie nur soweit, bis sie, etwa hundert Meter weiter in den Wald hinein, hinter den Bäumen verschwindet. Außerdem ist sie schwarz wie die Nacht. In roten Lettern steht auf der stromlinienförmigen Lok seitwärts NightTrain gepinselt. Und verflucht, sieht dieses Teil schnell aus. Schnell und überaus leistungsfähig.

Der Lokführer schafft es tatsächlich, die Garnitur so zum Stehen zu bringen, dass sich die Tür der Zugmaschine genau vor meinen Fußspitzen befindet. Es dauert kurz, dann höre ich, wie der Einstieg von innen entriegelt wird. Tobias taucht auf. Man sieht an seinem Gesichtsausdruck deutlich, dass er stolz auf sein neues Gefährt ist. Und verdammt will ich sein, wenn er nicht jegliches Recht dazu hat. Es ist eine dunkle Schönheit. Ich fühle, wie auch mich Aufregung übermannt, während ich, seinem einladenden Wink folgend, die Metallstufen zum Führerhaus erklimme. Ich bin schon wahnsinnig gespannt, was er über die neue Linie zu sagen hat, die zukünftig auf den nächtlichen Strecken des WhiteTrain verkehren soll.

Also, Tobias, was sehe ich hier, in Deinem Reich der Schaltzentrale. Was haben all die blinkenden Lichter und Armaturen rundherum zu bedeuten?

 

TR: Erik, das weiß ich auch nicht genau. Der Zug fährt von selbst. Die Armaturen blinken, als ob ihr sich ständig veränderndes Muster etwas bedeutet, aber ich weiß nicht mal, welche Art von Maschine das ganze Ding in Bewegung versetzt. Selbst die Gleise scheinen einfach aus dem Erdreich aufzutauchen, wie nach Bedarf und so, als ob sie schon lange Zeit dort liegen. Das sollte mich als Maschinist des WhiteTrain, der mir auch nach Jahren noch ein Mysterium ist, nicht beunruhigen, aber da regt sich doch eine Furcht in mir. Bis ich Dich da eben habe auflesen können, war es hier drin allein fast schon zu gruselig. Dieses Ding fährt so rasend schnell, als gäbe es ein Ziel, das ich nur nicht kenne, und draußen durch die Fenster sieht man ein Dunkel, noch finsterer als das All, das der WhiteTrain befährt. Ich glaube, das Nachtgleis führt durch Tiefen, die noch kein Auge durchschaut hat. Hier im Tender sammeln sich immer wieder Kohlen, die mich an geschrumpfte Köpfe erinnern, oder an ganze Geschichten, die erst noch erzählt werden müssen. Da vorn ist das Feuerloch und wenn Du hineinschaust, siehst Du die Flammen dort hellweiß brennen. Es ist kein Dampf, der den Zug antreibt, aber mehr kann ich nicht sagen. Im ersten Wagon habe ich einen obskuren Netzanschluss gefunden und angefangen, ein kleines Büro einzurichten. Wenn Du eine Weile hier bleibst, können wir von da aus direkt in die Netzwelt berichten. Außerdem lassen sich mit der alten Matrize, die ich entdeckt habe, in Zukunft auch Drucksachen als Flugblätter in den Städten abwerfen. Ich bin mir sicher, dass wir noch seltsamere Nachtländer als den Wienerwald bereisen werden, über die wir unbedingt schreiben müssen. Alles an Bord und da draußen ist rein fantastisch. Sicher ist das hier neben dem WhiteTrain selbst einer der besten Orte für Fiktionauten wie Dich und mich. Ein Ort, der sich bewegt, falls das Sinn ergibt. Noch etwas: da hinten sind noch viele weitere Wagons. Bisher ist dort alles dunkel, aber wer weiß, ob es da nicht noch Passagiere gibt? Auch das sollten wir erforschen.

 

ERA: Hmmm, das sollten wir sogar unbedingt. Wohl an – ran an die Tür und nachgeschaut! Höre ich da etwa Dekompression während sich die Verbindung nach hinten öffnet? Überhaupt sieht es aus wie ein Schleusensystem. Tobias, ist das überhaupt noch ein Zug, oder ist das ein U-Boot und wir auf dem Tauchgang? Hinab, hinab, in die lichtlose Tiefe, wo wir nach etwas suchen, worüber ich schon lange munkeln gehört habe: die Nacht, was passiert, wenn sie dunkler wird? Was, wenn die Sterne in Wahrheit schon lange erloschen sind? Lichtreminiszenzen aus der Vergangenheit. Hinter dem Lichtsmog der Städte dräut vielleicht ewige Dunkelheit und unsere Anführer haben uns angelogen. Haben durch ihre riesigen Teleskope schon lange die Wahrheit erkannt. Und weil sie allgemeine Panik verhindern wollten, haben sie elektrische Lampen aufgehängt und uns erzählt, dass Universum wäre für immer ein glitzerndes Paradies voller Möglichkeiten. Vielleicht ist ja der NightTrain die Antithese dazu. Die Revolution auf Rädern. Die fahrende Universität der Finsternis, die sich auf ihrem Weg befindet, um Dozenten und Forschungsteams aufzulesen, die unermüdlich nach einem gültigen Theorem der ewigen Finsternis suchen.

Sieh nur, der erste Raum, den wir betreten, bestätigt, dass diese Vermutung naheliegt. Hinter den Fenstern ist nichts als strudelnde Schwärze. Dass es hier überhaupt Fenster gibt, weiß ich ohnedies nur, weil ich sie beim Einsteigen von der anderen Seite gesehen habe. Die schmale Kabine ist völlig unbeleuchtet und die blinkende Armaturengalerie aus dem Führerhaus reicht nur zwei, drei Schritte weit. Ob das Abteil wirklich leer ist, werden wir gleich herausfinden. Wir müssen es wohl oder übel durchqueren, wenn wir weiter nach hinten wollen. Komm, Tobias, zum Wohle der Studentinnen und Studenten, die gewillt sind, den zukünftigen Pamphleten und Vorlesungen dieses gelehrigen Orts zu lauschen, müssen wir die initiale Schwärze durchqueren. Wir müssen zuvor in Erfahrung bringen, welche Räumlichkeiten uns zur Verfügung stehen. Ich strecke die Hände tastend aus und gehe voran. Ich hoffe aber aufrichtig, dass ich nach der Durchquerung dieses Wagons noch über sämtliche Finger verfüge.

 

TR: In einem U-Boot sind wir jetzt hinter dem ersten Schott. Als Du eben die alte Karbid-Lampe angemacht hast, hat ihr erster Schimmer bereits merkwürdige Schatten in die Winkel getrieben. Seltsam, nicht? Um das Dunkle zu sehen, muss man es beleuchten. Ist das noch ein Dilemma oder schon paradox? Nun, manches erscheint wohl nur dunkel, weil es noch nicht erhellt wurde. Das also wollen wir tun: was immer wir in den unausgeleuchteten Kammern und Korridoren der Fantastik finden, in Worte fassen, Artikel zu Themen des Fantastischen und insbesondere der fantastischen Literatur veröffentlichen, außerdem bist speziell Du in den Zug gestiegen, um bestimmte Gespräche zu führen. Magst Du das gerade mal formulieren? Was treibt Dich in dieses Dunkel? Was treibt Dich an und was genau hast Du vor?

 

ERA: Zuallererst einmal Danke für Deine unermüdliche Arbeit als Verleger. Dafür, dass Du Dir das neben Deiner Arbeit als Autor antust hast Du meinen größten Respekt. Ich persönlich bin Dir hierher ja im Schatten (sic!) unserer bisherigen Gespräche gefolgt, die ich bislang immer als Bereicherung für mein Verständnis um die Phantastik verstanden habe. Und natürlich auch als sehr unterhaltsam und kurzweilig. Und genau das hoffe ich auch, hier mit Dir, fortführen zu können. Also einen angeregten, noch lange andauernden Diskurs über alle phantastischen Themen. Speziell die dunklen. Ich hoffe, mir da einige Mitstreiter und Mitstreiterinnen an den sprichwörtlichen, runden Tisch holen zu können, um gemeinsam mit ihnen diversen Mysterien aus allen möglichen literarischen Welten auf die Spur zu kommen. Mir schweben da konkrete Phänomene unserer Zeit ebenso vor, wie gemeinsame Beleuchtungen jener Geschichten, die vor uns da waren. Tagespolitische Geschehnisse, soziale Entwicklungen, der Fortschritt der Technik, die Evolution von Religionen, Medien, Kultur, Wissenschaften und noch so Vieles mehr. Es gibt kein Thema, das für einen aufrechten Phantasten nicht aufregend und relevant wäre. Ich freue mich darauf, mit vielen unserer geschätzten Kolleginnen und Kollegen diese wertvollen Fragen wälzen zu können. Mehr dazu dann Anfang nächsten Jahres, wenn der Weihnachtstrubel vorbei ist, und die graue Jahreszeit beginnt. Es gibt ja quasi keine geeignetere Saison, um Gucklöcher in die Zwischenwände zu abseitig-literarischen Gebieten zu bohren und miteinander über Erspähtes zu korrespondieren.

Und natürlich reizt es mich, in den Flugblättern an die Welt vertreten sein zu dürfen. Aber wie sieht denn jetzt die Richtung aus, Tobias? Hast Du schon sowas wie einen Plan, oder besteht erst einmal nur eine Absicht, und Du bist noch auf der Suche nach Wegbegleitern? Was schwebt Dir vor, wohin der NightTrain in erster Instanz einmal fahren soll?

 

TR: Für Dich gilt ja dasselbe, Erik. Du schreibst und zeichnest, bist dabei noch berufstätig und findest noch die Zeit für diesen GenreTalk. Ich freue mich sehr darüber. Ich glaube, wir brauchen das eben beide dringend, uns neben der Schriftstellerei auch inhaltlich theoretisch über das auszutauschen, was wir da tun und was uns begeistert – wir brauchen es, um wachsen zu können.

Was nun die absehbare Zukunft betrifft: NightTrain ist ein Verlagsblog und Imprint des Whitetrain-Verlags. Wir werden mit ihm gewissermaßen mehrgleisig fahren, mit Deinen Talkrunden, zu denen es sicher illustre Gäste zu begrüßen geben wird, zum anderen habe ich selbst schon ein paar konkrete Artikel in Planung. Einige ausgewählte aus dem IF Magazin werden hier zudem noch einmal online veröffentlicht. Als erstes habe ich da meine kommentierte Leseliste zur Sword&Sorcery aus der #4 im Sinn. Rezensionen sind ein weiteres denkbares Gleis, wobei ich hier explizit keinen Halt vor fremdsprachigen, bislang nicht übersetzten Werken machen möchte. Das betreffend hattest Du ja kürzlich von Poppy Z. Brite und anderen Autorinnen gesprochen, die Du in Reviews betrachten möchtest. Als ein weiteres Gleis sind dann und wann Storybeiträge denkbar und wir werden sehen, ob nicht der eine oder andere Autor als Dauerfahrgast und Mitredakteur zusteigen mag. Darüber hinaus wird schon eine zweite Hauptstrecke im Realraum verlegt. NightTrain wird nämlich auch das Imprint einiger Einzelpublikationen sein. Die erste davon wird sich im kommenden Jahr der zeitgenössischen Weird Fiction annehmen, mit einigen Originalübersetzungen und Artikeln, die dann im Druck erscheinen sollen. Übersetzer Christian Eschenfelder ist schon mit der ersten Story beschäftigt und es gibt auch schon eine Coverillustration von Jonathan Myers. Genug als Ausblick?

 

ERA: Genug? Kann es jemals genug Gutes geben? Genug Ausblick auf freudige Ereignisse? Sagen wir so: ich bin überaus hoffnungsvoll, nach Deinen Beschreibungen, dass es ein richtig aufregendes, neues Jahr wird, durch das der NightTrain bald seine Runden dreht. Und ja, genau, ich werde mich, sobald es die Zeit zulässt, den Büchern von Poppy Z. Brite und Sarah Pinsborough widmen, die ich heuer das Vergnügen hatte, lesen zu dürfen. Beide gehören ja zu den wenigen Vertreterinnen der Weird Fiction, die ins Deutsche übersetzt worden sind. Und ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es noch viel mehr in dieser Richtung geben sollte. Umso schöner ist es also nun, dass sich der NightTrain genau das auf die knatternden Fahnen schreibt.

Also dann, lieber Tobias, kann ich nur sagen: The train´s a comin. 2018, hier kommt die Nacht!

 

TR: Dann geben wir mal ein paar dieser merkwürdigen Kohlen ins Feuer und fahren weiter – tiefer – in die Nacht hinein.

 

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2 Kommentare

  1. aufrechter.fantast aufrechter.fantast

    Hallo Tobias und Erik.
    Ich bin begeistert. Werde Euch durch das dunkle Dunkel als Leser begleiten.
    Ich gratuliere zu einem tollen Start dieses „sich bewegenden Ortes“!
    Allein das Outfit des blogs läßt mich herrlich weirde Dinge erahnen.

    Ich werde es geniessen, so Viel des Guten wie möglich bei Euch zu ergattern.
    und wünsche Euch und dem Blog ein langes, dunkles Leben.
    Erhellt mir meine dunklen Flecken!

    Euer

    aufrechter Fantast

  2. Hallo aufrechter Fantast,

    Wir dunkeln Dir für Deine herzlichen Worte,

    Erik

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